In diesem Blog findet ihr Überlegungen und Betrachtungen rund um die Personen in den Südfrankreich-Krimis, um die Bewohner der Dörfer und Städte, in denen sie leben, und, vor allem, um Südfrankreich
Maryline − oder Madame la Commissaire About für die Kriminellen oder für ihren Chef, den sie noch schlimmer findet als die „Kunden“, die sie ins Gefängnis steckt − lebt jetzt schon seit über zehn Jahren im Süden. Doch an eins hat sie sich immer noch nicht gewöhnt: an das herrliche Wetter.
Dabei geht es natürlich nicht um die Sommerhitze, die zwar in ihrem geliebten Sommières besser auszuhalten ist als direkt an der Küste. Denn über diese Hitze stöhnen selbst die Einheimischen. Auch wenn sie sie anders erleben als die Touristen. Ein Urlauber ist ja quasi gezwungen, den ganzen Tag über zu wandern oder spazierenzugehen oder am Strand zu braten. Dafür macht er schließlich Urlaub. Wer will seine Ferien schon in einem Hotelzimmer verbringen − oder einem abgedunkelten Wohnmobil − und nur abends ein bisschen rausgehen? Nein, man hat entschieden, die Sommerpause im Süden zu verbringen, jetzt muss man auch die Konsequenzen tragen.
Und der Sommer im französischen Süden ist eben wunderschön. Trotz Hitze. Daran gibt es nichts zu rütteln.
Nur, dass die Einheimischen diesem Zwang nicht unterliegen. Sie haben schließlich keine Ferien. Sie mussten nicht das ganze Jahr über für die lange Fahrt sparen − auch keinen Campingplatz oder irgendeine andere Unterkunft bezahlen. Da können sie getrost ihre Fensterläden geschlossen halten und sich vor der Sonne verstecken.
Aber wie gesagt, darum geht es hier ja gar nicht. Nein, wir reden über das herrliche Wetter im Winter. Zum Beispiel im Oktober. Wenn die Bewohner nördlicher Gefilde bereits über Kälte, Regen und graue Tage jammern, können Maryline und ihre Tochter Camille selbst am Abend noch auf der Terrasse essen. Schlimmstenfalls ziehen sie sich ein Strickjäckchen über, wenn die Sonne untergeht.
Natürlich kann es vorkommen, dass es im Oktober auch mal regnet. Aber dann meistens nur ganz kurz. Und das ist auch gut so, denn wie sonst sollte die Natur ihre wunderschöne grün-bunte Herbstfarbe entfalten?
Im November und Dezember, wenn es auf Weihnachten zugeht, ist das Klima oft noch beneidenswerter. Das sagen zumindest die ehemaligen Kolleginnen der Commissaire, die in Paris geblieben sind. Natürlich ist es dann schon kühler als im Oktober. Aber mit einem leichten Mantel ist es immer noch eine Freude, am Strand spazierenzugehen. Im prallen Sonnenschein.
Am Strand spazieren gehen − das ist ein (recht gemütlicher) Sport, der nur den Einheimischen vorbehalten ist. Und natürlich den wenigen Späturlaubern, die die Zeit und den Mut haben, im Winter nach Südfrankreich zu fahren. Denn wer käme auf die Idee, in der Sommerhitze am Meer entlangzulaufen und den Wellen nachzuträumen? Oder einfach nur dazustehen, die Hände in den Manteltaschen zu vergraben, und die Gischt zu beobachten, die sich an den Felsen bricht? Oder zuzuschauen, wie das Wasser den Sand erobert, sich zurückzieht, von Neuem anfängt, beharrlich, als hätte es nichts anderes zu tun.
Doch wenn sie vom Januar erzählt, dann kommt Maryline ins Träumen: Gleich nach Silvester beginnt ihr Lieblingsmonat. Trotzdem hat sie manchmal noch die Frechheit, sich bei ihren früheren Kolleginnen zu beklagen, wie kalt es gerade bei ihr ist. Und dann findet sich bestimmt eine Stimme, die ironisch zurückfragt:
„
Wie kalt ist es denn bitte schön bei dir?“
„Na, gerade mal so vierzehn bis sechzehn Grad.“
Und die Stimme am Telefon beginnt zu lachen ... zu lachen ... Sie kann sich gar nicht mehr einkriegen: „Sechzehn Grad, das findest du kalt?“
Dann zieht die Kollegin schniefend die Nase hoch und schaut aus dem Fenster. Bei ihr ist es draußen so dunkel, dass sie innen das Licht anmachen muss. Graue Wolken blockieren die Sicht. Und das Thermometer zittert irgendwo im Minusbereich herum.
Und schon ist wieder Frühling. Im März, wenn die Tage länger werden, verbringen die Einheimischen ihren Sonntag am Strand. Natürlich gehen nur die Mutigsten ins Wasser. Aber das ist auch nicht nötig. Wie schön ist es doch, einfach im Sand − oder auf einem Handtuch − zu liegen und sich von den Sonnenstrahlen durchwärmen zu lassen ...
...
durchwärmen, wohlgemerkt, nicht verbrennen, so wie im Sommer. Und dann fängt die Haut schon wieder an, sich dunkel zu färben. Falls sie überhaupt die Zeit hatte, heller zu werden. Wenn dann Ostern die Verwandten winterblass aus dem Norden kommen, haben die Einheimischen schon wieder diesen ach so typischen, ach so beneidenswerten goldbraunen Hautton.
Aber, um ehrlich zu sein, sehr oft telefoniert Maryline eigentlich nicht mit ihren früheren Kolleginnen. Zumindest nicht im Winter. Denn zwischen ihrer Arbeit und den kleinen Ausflügen mit Camille hat sie einfach keine Zeit zum Plaudern. Dann ist ja auch bekannt, dass sie in ihrer tiefsten Seele eine Einzelgängerin ist und die Verbrechen am liebsten immer im Alleingang lösen würde. Obwohl sie seit einiger Zeit auch nicht unzufrieden ist, ihren Assistenten zu haben − Jean-Christophe, der breiter ist als hoch, eine Uniform trägt, die speziell für ihn angefertigt wurde, und so manchen guten Bürger an ein Karnevalskostüm erinnert. Aber er ist ein richtig guter
Flic. Und seit er die Tochter der Commissaire den Händen ihrer Entführer entriss ... Doch das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls bleibt ihr wenig Zeit für ihre Pariser Ex-Kolleginnen und, auch das weiß jeder − so richtige Freundinnen hat sie nicht viele. Trotzdem rufen immer wieder welche an, nämlich dann, wenn ihr Urlaub bevorsteht. Dann halten sie die Commissaire für eine Wettervorhersagestation und wollen wissen, ob die Sonne während ihrer Ferien auch brav scheint.
Ja, irgendwann kommen sie alle mal in den Süden, die Pariser. Selbst ihr ehemaliger Mann, der Pariser Super-
Flic, ihr Ex, der Schatten aus einem früheren Leben. Doch der würde es natürlich nicht wagen, sie anzurufen, um sich über das Wetter zu erkundigen. Außerdem ist ihm schon klar, dass Maryline nicht böse wäre, wenn es Tag und Nacht gewitterte, Hagelkörner so groß wie Kinderfäuste durch die Gegend flögen und der Regen unaufhörlich strömen würde − solange ihr Ex im Urlaub ist.
Sie lächelte traurig, als sie mir von der Wut auf ihren geschiedenen Mann erzählte, die auch nach zehn Jahren nicht abgeklungen ist. Glücklicherweise kommt er ja nicht oft in den Süden, und wenn, dann erfährt sie es meistens nicht. Außer einmal, als er in einen Mordfall verwickelt wurde, den ausgerechnet sie lösen musste. Aber das (seufz) ist schon wieder eine andere Geschichte. Und ein anderer Krimi.