Wenn ihr wüsstet, was ich in meinem Commissaire-Alltag so erlebe ... All das kann man in Doris Knellers Romanen gar nicht beschreiben.
Erst gestern hieß es, ich sollte mal bei einer Frau vorbeischauen, die in einer der Villen zwischen dem Schloss von Sommières und Villevieille wohnt. Eine wunderschöne Gegend, übrigens. Auch toll zum Spazierengehen.
Als ich ankam, glaubte ich zuerst, niemand wäre da. Alle Fenster geschlossen, die Rollläden heruntergelassen, der Garten zwar gepflegt, aber anscheinend schon lange nicht mehr benutzt.
Doch kaum stieg ich aus dem Auto, öffnete sich die Haustür. Madame Aveline kam mir entgegen.
„Sie können mich Louise nennen”, meinte sie mit brüchiger Stimme und drückte mir müde die Hand.
Sie sah furchtbar aus. Vermutlich war sie um die sechzig, aber man hätte sie für achtzig halten können. Ihr Gesicht war so blass, als hätte sie tagelang nicht geschlafen.
„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?”, kam ich gleich zur Sache.
„Das ist jetzt vier Tage her. Am Sonntag. Da geht er immer zum Bäcker, um uns ein schönes Stück Torte zu holen. Für unser
Dessert.”
Ich schnitt automatisch eine Grimasse. Torte zum Nachtisch? Aber es ging ja nicht um meine Linie, sondern um ihre. Im Haus war alles blitzblank − zu blitzblank nach meinem Geschmack. Auf den Küchenschränken und der altmodischen Kommode im Wohnzimmer lag nicht das kleinste Staubkorn.
„Eine Frau vermisst ihren Mann seit vier Tagen und verbringt ihre Zeit mit Saubermachen?”, schoss mir durch den Kopf.
Aber na ja, Menschen sind verschieden.
Der Küchentisch war für zwei Personen gedeckt. Suppenteller, Essteller, kleine Teller für den Nachtisch − einen Moment lang blieben meine Augen an den blau-gelben Verzierungen hängen. Es war ein typisches Service aus der Provence, wie man es hier in Sommières oft sieht. Daneben standen die Gläser, das Besteck ...
„Ich hatte schon alles vorbereitet”, meinte Louise, „ich dachte ja, er kommt gleich wieder.”
Ich stutzte.
„Und Sie haben das so stehengelassen? Wo haben Sie denn gegessen, seit Sonntag? Im Wohnzimmer?”
Louise senkte den Kopf.
„Gar nicht. Ich hatte keinen Hunger.”
Ich ging zum Fenster und öffnete es. Plötzlich fand ich die Luft zu abgestanden. Vermutlich war seit Tagen nicht mehr gelüftet worden. Draußen war es kalt, aber lieber Kälte als Ersticken.
Gedankenversunken strich ich über einen der Teller. Auch hier, nicht der geringste Staub. Merkwürdig für Geschirr, das seit vier Tagen unberührt auf dem Tisch stand. Dann schaute ich in den Mülleimer. Er war leer. Vollkommen leer.
„Warum haben Sie uns denn erst heute angerufen?”
Zuerst gab Louise keine Antwort. Ich drehte mich zu ihr um. Sie stand da und starrte vor sich hin. Ihre Finger glitten über die Tischkante.
„Ich wollte erst mal abwarten”, sagte sie plötzlich so leise, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen. „Vielleicht wäre er ja noch zurückgekommen. Außerdem ...” Ihre Stimme wurde ein wenig fester. „Außerdem heißt es im Fernsehen doch immer, dass die Gendarmen sich für vermisste Personen nicht sonderlich interessieren.”
Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin aber kein
Gendarme”, wollte ich sie korrigieren. Aber dann ließ ich es sein.
„Ich würde gern mal Ihr Schlafzimmer sehen.”
Die Frau zögerte. Nicht lange, nicht mal eine Sekunde. Aber ich hatte es bemerkt.
„Selbstverständlich.”
Die Schlafzimmertür war abgeschlossen. Louise öffnete sie und ließ mich eintreten. Die Rollläden waren herabgelassen. Ich zog sie hoch, damit ein wenig Licht in den Raum fallen konnte. Dann stieß ich das Fenster auf. Auch hier war die Luft viel zu stickig. Draußen tanzten die Staubpartikel in den Sonnenstrahlen. Doch das Zimmer war genauso sauber wie der Rest des Hauses. Das Bett war gemacht.
„Mein Mann schließt seine Tür immer ab”, erklärte Louise. „Er schläft hier. Ich meine, er schläft allein hier. Ich kann neben ihm kein Auge zumachen. Er schnarcht so laut.”
„Und wo schlafen Sie?”
„Im
Salon.”
Langsam ging ich ins Wohnzimmer zurück. Auf einem schmalen Sofa lag eine sorgfältig zusammengelegte Wolldecke. Sonst nichts. Mein Blick fiel auf einen Abreißkalender. Das oberste Blättchen zeigte das Datum vom letzten Samstag.
„Warum haben Sie seitdem nicht mehr abgerissen?”, wollte ich wissen.
Natürlich war die Frage nicht wichtig, aber mir fiel keine andere ein.
Louise zuckte mit den Schultern.
„Vergessen”, murmelte sie.
Sie stand direkt hinter mir. Plötzlich fiel mir auf, dass das die ganze Zeit über schon so war. Egal wo ich hinging, sie ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Hatte das etwas zu bedeuten?
Doch wie auch immer − ich konnte ihr nicht helfen. Woher sollte ich wissen, wohin ihr Mann gegangen war?
„Haben Sie noch andere Räume, die mir ein Indiz geben könnten? Keller? Garage?”
Sie schien erst überlegen zu müssen.
„Eine Garage. Aber die dient seit Langem schon als Abstellraum. Früher habe ich hin und wieder da sauber gemacht, aber das ist schon Wochen her. Lohnt sich nicht. Mein Mann ist da nie reingegangen.”
Ich nickte. Sollte ich mir die Mühe machen, einen schmutzigen Abstellraum zu kontrollieren? Das würde vermutlich nicht viel bringen. Allerdings darf man nie etwas vernachlässigen. Vielleicht sollte ich meinen Assistenten anrufen, damit er das übernimmt.
Auf einmal dachte ich daran, dass ich meiner Tochter versprochen hatte, heute Abend mit ihr essen zu gehen. Nervös schaute ich auf die Uhr.
„Darf ich kurz auf die Toilette?”
Wieder ein kurzes Zögern.
„Ist es denn dringend? Ich habe gerade erst geputzt.”
Doch dann schien ihr die Unfreundlichkeit ihrer Bemerkung bewusst zu werden, und sie führte mich ins Bad. In den meisten südfranzösischen Häusern sind Toilette und Bad in getrennten Räumen untergebracht. Aber hier war alles zusammen.
Ich schaute mich um. Dann inspizierte ich den Schrank. Ein paar Medikamente, das Übliche eben, aber nichts, was auf eine besondere Krankheit hingewiesen hätte. Ich setzte mich auf die Toilette und ließ den Raum auf mich einwirken. Auch hier war alles blitzblütenblank. Selbst die Badewanne war gerade erst gereinigt worden, offenbar heute Morgen.
Plötzlich stutzte ich. Wer reinigt denn eine Badewanne an einem gewöhnlichen Werktag? Dafür musste man wirklich ein Sauberkeitsfanatiker sein. Richtig besessen − fast schon krankhaft. Oder ...
Vorsichtig strich ich über die glänzende Oberfläche. Dann zückte ich mein Handy, um sie mit der Taschenlampe abzusuchen. Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Rand war nicht so glänzend wie der Rest. Er war eher stumpf. Als ob etwas Klebriges abgewaschen worden wäre oder als hätte jemand sehr intensiv darauf herumgeschrubbt. Ich schnüffelte. Die Stelle roch anders als der Rest. Nach einem schärferen Putzmittel.
Und in einer Fuge entdeckte ich einen dunklen Schatten. Einen dunklen Fleck, der dem Putzmittel widerstanden hatte. Blut?
Ich schaltete mein Handy um auf UV − eine Sonderfunktion, die Jean-Christophe mir extra installiert hatte. Jetzt wirkte der Rand der Wanne nicht mehr gleichmäßig hell. Ein riesiger, ungleichmäßiger Klecks wurde sichtbar.
Langsam richtete ich mich auf. Hier musste jemand eine Menge Blut verloren haben. Vielleicht Louises Mann? War er gestürzt?
Ich ging zurück ins Wohnzimmer.
„Madame Aveline, ich weiß nicht, wo ihr Mann ist. Aber Sie wissen es. Und ich bin sicher, dass er nicht mehr lebt.”
Louise starrte mich mit großen Augen an.
„Er ist am Sonntag nicht zum Bäcker gegangen.” Während ich meine Gedanken aussprach, fügte sich plötzlich alles zusammen. „Er ist am Sonntag nirgends mehr hingegangen. Da war er nämlich schon tot.”
„Wieso ...”, stotterte Louise.
„Ich denke, er ist im Bad gestürzt. Anscheinend in der Nacht von Samstag auf Sonntag.”
Die Frau senkte den Kopf.
„Aber er war nicht gleich tot, nicht wahr?”, fuhr ich fort. „Er ist auf den Badewannenrand gefallen und hat stark geblutet, vermutlich aus einer Kopfwunde. Allerdings sind solche Wunden in der Regel nicht tödlich. Was haben Sie getan? Die Situation ausgenutzt, um ihn zu erwürgen?”
Die Idee, dass diese Frau eine Mörderin sein könnte, machte mich traurig.
Jetzt schaute mir Louise in die Augen.
„Nein, ehrlich, Sie müssen mir glauben. Ich habe ihm nichts getan.” Ihre Stimme zitterte leicht. „Ich bin ihm nur nicht zu Hilfe geeilt, als er nach mir rief.”
Ich hielt ihrem Blick stand.
„Auch ohne Hilfe wäre er an einer Kopfwunde nicht gestorben.”
Sie kniff die Lippen zusammen.
„Doch. Weil er Blutverdünner nimmt. Er hatte nämlich schon mal einen Herzinfarkt.”
Jetzt verstand ich.
„Das war Ihnen bekannt. Und Sie haben ihn ruhig verbluten lassen”, schlussfolgerte ich.
Jetzt fing die Frau an zu weinen.
„Ich konnte doch nicht wissen, dass er blutete.”
Ich schüttelte nur den Kopf. Wenn ich jetzt nichts sagte, würde Louise vermutlich weiterreden.
„Er hat so oft gerufen, mitten in der Nacht. Für nichts. Er konnte nicht schlafen und wollte, dass ich auch wach bleibe. Mal hatte er Kopfweh und konnte die Tabletten angeblich nicht finden. Mal hatte er Hunger. Mal musste er unbedingt wissen, ob unser Sohn zu Weihnachten kommt. Mitten in der Nacht.”
Sie blickte auf. Jetzt liefen ihre Tränen in Strömen.
„Ich konnte nicht mehr. Ganz einfach.” Sie schluchzte auf. „Ich wollte endlich mal schlafen.”
Die Frau tat mir leid. Aber ich konnte nichts für sie tun. Also rief ich Jean-Christophe an, meinen Assistenten, damit er sie festnahm.
Die Leiche fanden wir dann in der Garage. Unter einer Wolldecke.
Ein Südfrankreich-Kurzkrimi von Doris Kneller (alle Rechte vorbehalten)