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Kleine Fälle aus Südfrankreich

 

Madame la Commissaire Maryline About ermittelt

Andere Südfrankreich-Kurzkrimis:
 
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Schlafmangel
Mörderische Liebe
      Wer hat mal behauptet, dass Liebe nur ein Wort sei? − Wieder einmal ging ein Sankt-Valentins-Tag vorbei. Ich persönlich habe ja keinen Valentin, und im Moment will ich auch keinen. Von Beziehungen habe ich erst einmal genug. Trotzdem ließ mich dieser Tag an einen Fall denken, den ich wohl nie vergessen werde.
 
 
 
      Der Riese war völlig in sich zusammengesackt. Er sah aus, als hätte er seine große Liebe zum zweiten Mal verloren. Dabei hatte er die Tote im Sand zuvor noch nie gesehen. Er wusste erst seit zwei Tagen, dass es sie gab.
 
      Doch vorgestern lebte sie noch.
 
      Sie ist schön − das war das Erste, das mir durch den Kopf schoss, als ich am Tatort ankam. So wie sie dalag, die Beine elegant übereinandergeschlagen, den rechten Arm leicht angewinkelt unter den Nacken geschoben, erinnerte sie an ein Dornröschen, das gerade in seinen hundertjährigen Schlaf gesunken war. Oder an eine Meerjungfrau.
 
      Ihre langen blonden Haare umgaben sie wie ein Heiligenschein. Ihre Farbe verschmolz mit dem Gold des Sandes. Der rosafarbene Seidenschal war in einem eleganten Knoten um ihren Hals geschlungen.
 
      Nur leider war der Knoten zu fest. Viel zu fest. So fest, dass sie daran ersticken musste.
 
      Ich riss mich nur mühsam von dem Anblick los. Was war mir gerade noch durch den Kopf gegangen? Dass sie schön ist? Warum hatte ich die Gegenwartsform benutzt?
 
      Eins war sicher: Ihr Mörder hatte sie geliebt.
 
      Unwillkürlich glitt mein Blick über den menschenleeren Strand bis zum Horizont. Jetzt im Winter konnte man kaum glauben, dass das mysteriöse Städtchen Le Grau-du-Roi im Sommer zu einem überlaufenen Touristenort wird. Die Wellen berührten sanft die wilden Dünen von l'Espiguette. Auf dem Wasser tanzten weiße Gischtkronen, und die Sonne ließ es golden schimmern. So ruhig hatte ich das Meer um diese Jahreszeit noch nie gesehen. Betrauerte es den Tod einer Meerjungfrau?
 
      Ich schaute auf die Mail, die mir das Commissariat in Nîmes geschickt hatte. Die Tote war von einem gewissen Paul Chaleau gemeldet worden.
 
      „Monsieur Chaleau?”, wandte ich mich an den Riesen, der immer noch regungslos dasaß.
 
      Ich ging zu ihm hinüber und berührte seinen Arm.
 
      „Sind Sie Monsieur François Chaleau? Waren Sie der Anrufer, der ...”
 
      Irgendwie gelang es mir nicht, das Wort auszusprechen.
 
      Er saß im Sand, die Beine angezogen. Seine langen Arme umklammerten die Knie, der Kopf war gesenkt. Zunächst dachte ich, er würde mich nicht hören. Doch dann sah er mich plötzlich an.
 
      Er war älter als die Tote. Theoretisch hätte er ihr Vater sein können. Nur, dass die Tote klein und zierlich war. An ihm war dagegen alles groß. Sein Kopf wirkte wie ein riesiger Stein, aus dem unten ein paar Haare wuchsen. Bei näherem Hinsehen erkannte man einen kleinen Spitzbart. Dort, wo man sonst Haare erwartete, war eine riesige Glatze, von der Sonne leicht rötlich angehaucht.
 
      „Ich war es nicht”, stammelte er mit einer Stimme, die im Verhältnis zu seinem Körperbau viel zu dünn klang. „Sie war schon tot, als ich ankam.”
 
       „Würden Sie mir bitte genauer schildern, was Sie gesehen haben? Und auch, wieso Sie hier sind? Ich meine, das ist nicht gerade ein Tag für einen Strandspaziergang.” Bei diesen Worten wurde mir bewusst, dass ich die ganze Zeit über schon fror. Auch wenn die Sonne schien, so hatte sie jetzt im Februar doch noch nicht viel Kraft. Außerdem wehte ein kühler Wind.
 
      „Weil sie es so wollte.”
 
      Der Mann klang völlig verwirrt. Ich fürchtete, der Anblick der Leiche habe einen Schock bei ihm ausgelöst. Er saß immer noch so da, wie ich ihn vorgefunden hatte.
 
      „Bitte, Monsieur Chaleau, stehen Sie doch auf. Sie werden sich noch eine Erkältung holen.”
 
      Ich war es ja gewohnt, mit Zeugen umzugehen. Eigentlich hatte ich schon alles gesehen: Menschen, die der Anblick des Todes aggressiv machte, andere, die Angst bekamen oder sich plötzlich sehr wichtig nahmen. Aber mit diesem verschreckten Riesen konnte ich nichts anfangen. Vielleicht sollte ich einen Krankenwagen rufen? Nicht, dass er mir hier noch umkippte.
 
      In diesem Augenblick sah ich zwei Leute auf mich zulaufen. Ich war erleichtert. Normalerweise brauchte ich niemanden, um einen Zeugen zu befragen. Aber in diesem Fall ...
 
      „Maman”, rief meine Tochter schon von Weitem, „wir haben interessante Informationen.”
 
      Ihr Begleiter, mein Assistent Jean-Christophe, schwieg. Doch ich sah ihm an, dass er mir einiges zu erzählen hatte.
 
      Meine Tochter und ich − und natürlich seine reizende Ehefrau Julie − waren wohl die Einzigen, die den Brigadier-Chef ernst nahmen. Doch die anderen hatten unrecht. Statt sein Talent und seine Geschicklichkeit zu würdigen, beschränkten sie sich darauf, ihn nach seiner Figur zu beurteilen. Er war breiter als hoch, reichte mir gerade bis zur Brust, und in seiner maßgeschneiderten Uniform sah er eher aus wie ein Karnevalsprinz als wie ein Polizist.
 
      „Stell dir vor, Maman”, sprudelte es aus Camille heraus, sobald sie in Hörweite war. „Als du hier ankamst, hast du doch gleich ein Foto der Leiche ans Commissariat geschickt. Und ob du es nun glaubst oder nicht, einer von Jean-Christophes Kollegen hat sie erkannt. Er redete wohl von einer flüchtigen Bekannten, aber er wusste ihren Namen und auch ungefähr, wo sie wohnte. Lustigerweise in Saint-Gilles.”
 
      Ich stutzte. Die Tote hatte also im selben Ort gewohnt wie mein Assistent und seine Frau.
 
      Sie machte eine Pause, um Luft zu holen − was Jean-Christophe gleich ausnutzte, um selbst das Wort zu ergreifen.
 
      „Er hat auch erzählt, dass sie mit einer Freundin zusammenlebte. Wohl so eine Art Wohngemeinschaft. Der Chef hat mich angerufen, damit ich gleich hinfahre. Er wusste ja, dass ich frei hatte. Also ging er davon aus, dass ich zu Hause war.”
 
      Natürlich störte es unseren Chef nicht, wenn mein Assistent an seinem freien Tag losmusste. Das Wohl seiner Untergebenen hatte ihn noch nie interessiert.
 
      „Und was hast du damit zu tun?”, fragte ich meine Tochter.
 
      Camille begeisterte sich für unsere Arbeit, und sobald sie konnte, steckte sie ihre Nase in unsere Fälle. Eigentlich war das verboten, schließlich war sie keine Polizistin. Und mir passte es auch nicht. Das war viel zu gefährlich − aber wie immer tat sie, was sie wollte.
 
      „Sie war gerade bei Julie, als der Anruf kam”, antwortete Jean-Christophe für sie. „Sie wollte unbedingt mitfahren.”
 
      Seine Frau und meine Tochter waren gute Freundinnen. Aber musste sie ausgerechnet in einem solchen Augenblick bei ihr sein? Ich blickte meinen Assistenten strafend an. Er hätte sie nicht mitnehmen dürfen. Aber gleichzeitig war mir klar, dass er gegen Camille nicht die geringste Chance hatte. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, waren alle anderen machtlos.
 
      „Schwamm drüber”, wischte die junge Frau das Thema beiseite. „Ihre Freundin hat uns was Interessantes erzählt. Yvonne ...” Sie zeigte auf die Tote. „Yvonne war heute mit ihrem Vater verabredet. Zum ersten Mal. Das heißt, sie suchte schon länger nach ihm, aber ihre Mutter wollte ihr seinen Namen nicht verraten.”
 
      „Und vorgestern hatte Yvonne ihren zwanzigsten Geburtstag”, schnitt Jean-Christophe ihr das Wort ab. „Da ließ sich die Mutter erweichen. Yvonne hat ihn gleich angerufen, und die beiden haben sich hier am Strand verabredet.”
 
      „Angeblich war er außer sich vor Glück, als er begriff, dass er ein Kind hatte”, übernahm Camille wieder. „Er hat wohl etwas von der Tochter einer über alles geliebten Frau gestammelt. Yvonnes Freundin fand das süß. Deshalb hat sie es sich gemerkt.”
 
      Plötzlich kam Leben in den Riesen. Er stand schwerfällig auf und stampfte zu ihnen herüber. Neben Jean-Christophe wirkte er wie Goliath neben David.
 
      „Ich bin ihr Vater”, verkündete er mit der gleichen dünnen Stimme wie zuvor. „Aber sie war schon tot, als ich ankam.”
 
      Er senkte den Kopf. Ich hatte den Eindruck, dass er uns regelrecht entglitt. Seine Augen wurden glasig und sein Mund bewegte sich, als würde er mit einer unsichtbaren Person reden. Er war irgendwo in einer anderen Welt.
 
      Was in diesem Augenblick durch seinen Kopf ging, vertraute er mir erst Wochen später an.
 
      Auf einmal sah er sie wieder vor sich. Fast hätte er sie gefragt, was sie hier machte, am Strand von l'Espiguette. Doch er brachte den Mund nicht auf. Sie war so unglaublich jung und die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Er hatte sie auf der Universität kennengelernt, in Nîmes. Im Kurs über mittelalterliche Geschichte saß sie immer neben ihm.
 
      Als sie das erste Mal zusammen ausgingen, wollte sie unbedingt am Strand spazieren gehen. Sie liebte Le Grau-du-Roi, wo ihre Großmutter lebte. An ihrer Seite wurde aus einem geschichtsträchtigen Ort ein romantisches Paradies. Nach dem Spaziergang nahm sie ihn mit zu ihrer Oma, und sie aßen selbstgemachten Apfelkuchen.
 
      Er hatte das Gefühl, die Äpfel noch heute auf der Zunge zu schmecken.
 
      Im Laufe seines Lebens hatte er viele Frauen gekannt. Zu viele. Aber die Einzige, die er wirklich liebte, das war sie. Marguerite. Sie war zierlich wie ein Blütenblatt und strahlend wie eine Blume, die selbst im Herbstnebel noch leuchtet. Ihre Freunde hatten sich oft über sie lustig gemacht − sie, die Kleine, die ihm gerade bis zur Brust reichte. Und er, der Riese.
 
      Doch ihre Liebe hatte alle Unterschiede ausgelöscht.
 
      Plötzlich schien er sich der Anwesenheit der Polizisten bewusst zu werden. Misstrauisch schaute er Camille und Jean-Christophe an. Dann glitt sein Blick zu mir.
 
      „Wir waren hier verabredet”, erklärte er mit seiner piepsigen Stimme. „Bis zu ihrem Anruf wusste ich nicht einmal, dass ich eine Tochter hatte.”
 
      „Und warum ausgerechnet hier?”, wollte ich wissen.
 
      Der Mann seufzte.
 
      „Ich weiß nicht. Ich kannte sie ja nicht. Aber ich nehme an, sie war genauso romantisch wie ihre Mutter. Denn hier am Strand haben wir uns zum ersten Mal geküsst.”
 
      Jean-Christophe nickte.
 
      „Das hat ihre Mutter ihr dann wohl erzählt.”
 
      Romantik, das war etwas, das er verstand. Auch er würde den ersten Kuss seiner Julie nie vergessen.
 
      „Und was ist dann passiert?”, beendete ich den rührseligen Moment. Seit meiner Scheidung von einem Mann, der mich mehrmals hintergangen hatte, wollte ich mit Romanzen nichts mehr zu tun haben.
 
      François zuckte mit den Schultern.
 
      „Nichts. Als ich ankam, lag sie da. Und ich habe die Polizei gerufen.” Eine Träne lief ihm über die Wange. „Da hatte ich plötzlich eine Tochter”, fügte er so leise hinzu, dass er kaum noch zu verstehen war, „und dann hatte ich nicht mal die Zeit, sie kennenzulernen.”
 
      Wieder versank er in der Vergangenheit.
 
      Mit Marguerite verlebte er das schönste Jahr seines Lebens. Nichts anderes zählte mehr. Er sah nur noch ihre leuchtend blauen Augen, die schmale Nase, die wilden blonden Locken, die ihr bis zur Hüfte reichten, der schlanke, geschmeidige Körper ... Gleichgültig, ob es regnete oder schneite. Gleichgültig, ob die Sonne schien. Selbst die Sterne verblassten, wenn sie ihn anschaute.
 
      Er war der glücklichste Mensch der Welt.
 
      Bis ... Bis der Spanier kam.
 
      „Um wie viel Uhr waren Sie denn verabredet?”
 
      Meine Frage riss ihn aus seinen Träumen. Sie war vermutlich nicht sehr wichtig, aber am Anfang einer Ermittlung zählt jeder kleinste Punkt.
 
      Er zögerte.
 
      „Um sechzehn Uhr”, antwortete er dann.
 
      Camille, die ihn ruhig beobachtet hatte, schrak auf einmal hoch.
 
      „Non, Maman”, rief sie aus. „Er lügt.”
 
      Erstaunt schaute ich sie an.
 
      „Ihre Mitbewohnerin war sich ganz sicher, dass sie schon um fünfzehn Uhr verabredet waren. Sie fuhr eine halbe Stunde vorher los und ärgerte sich noch, dass sie vermutlich zu spät kommen würde.” Sie starrte den Mann an. „Sie lügen.”
 
      Ich überlegte. Wenn Camille recht hatte, war diese Zeitverschiebung wirklich merkwürdig. Ich zog mein Handy heraus und überprüfte die Strecke auf Google. Von Saint-Gilles bis hierher waren es rund vierzig Minuten. Yvonne musste also gegen 15 Uhr 10 hier gewesen sein.
 
      François schien gar nicht zu begreifen, worüber wir sprachen. Gedankenverloren betrachtete er seine Schuhe. Sein Geist schwebte wieder irgendwo in der Vergangenheit.
 
      Als der Spanier auftauchte, änderte sich alles.
 
      „Du musst mich verstehen”, hatte sie ihn damals angefleht. „Ich mag dich gern, aber Pedro ist der Mann meines Lebens.”
 
      Sie hatte darauf bestanden, dass die beiden Männer sich kennenlernten. Pedro war sanft, freundlich, seine Stimme war ruhig und warm. Und er passte zu Marguerite wie kein anderer. Er war schlank, kaum größer als sie, aber so muskulös, dass sie sich bei ihm geborgen fühlen musste. Natürlich hatte sie sich bei ihm auch geborgen gefühlt − aber neben Pedro war er nichts als ein großer, ungehobelter Tollpatsch.
 
      Der Spanier war der perfekte Mann für sie. Dafür hatte er ihn gehasst.
 
      Wer weiß, was damals passiert wäre, wenn er Nîmes nicht unmittelbar verlassen hätte. Er konnte ihr Glück einfach nicht mit ansehen.
 
      Wieder riss ich ihn aus seinen Gedanken. Ich wusste damals noch nicht, was ihm gerade durch den Kopf ging. Aber ich brauchte ihn hier und jetzt. Hellwach.
 
      „Wie erklären Sie sich den Widerspruch? Angeblich waren Sie um fünfzehn Uhr verabredet. Yvonne hatte leichte Verspätung. Waren Sie bei ihrer Ankunft schon hier?”
 
      Ich atmete tief durch. Dann sprach ich weiter, ohne seine Antwort abzuwarten.
 
      „Sie behaupten, sie war schon tot, als Sie kamen. Wann war das? Jedenfalls haben Sie erst nach ...” Ich unterbrach mich, um noch mal auf mein Handy zu schauen. „... nach sechzehn Uhr die Polizei alarmiert. Wo waren Sie in der Stunde vor Ihrem Anruf?”
 
      François sah mich an, als würde er nicht mich, sondern eine andere Person sehen. Nie im Leben hatte er einen Menschen so verabscheut wie Pedro. Er hatte sich geschworen, diesen Namen nie wieder in den Mund zu nehmen.
 
      Warum musste seine Tochter auch gleich von ihm reden?
 
      Sie waren kaum einige Schritte den Strand entlang gelaufen, da fing sie von ihm an. Er hatte sie aufgezogen. Er war der beste Papa der Welt, auch wenn er nie einen Zweifel darüber ließ, dass er nur der Stiefvater war.
 
      Sie hatte gekichert.
 
      „Wäre ja auch merkwürdig gewesen, ihn zum Vater zu haben. Mit meinen blonden Haaren. Seine sind kohlrabenschwarz.”
 
      Er hatte sie gebeten, nicht mehr von Pedro zu reden. Erst leise, dann immer eindringlicher. Doch sie hatte einfach nicht auf ihn gehört. Er hatte versucht, ihr nicht zuzuhören. Vom ersten Augenblick an konnte er die Augen nicht von ihr abwenden. Sie war so schön. Genauso schön wie ihre Mutter. Und sie hatte genau das gleiche Alter wie einst Marguerite, als sie sich den ersten Kuss ...
 
      „Pedro macht Maman glücklich”, sagte sie strahlend, ohne auf seine Reaktion zu achten.
 
      Was hatte ihm Marguerite, seine Marguerite, damals erklärt? Dass er der Mann sei, der sie glücklich machte? Nicht er, François, sondern der Spanier? Warum hörte sie nicht auf, immer das gleiche zu sagen? Warum musste sie immer von Pedro reden?
 
      Während der Zeuge wohl immer weiter in seine Welt abtauchte − eine Welt, in die wir ihm nicht folgen konnten − sahen Camille und Jean-Christophe mich auffordernd an.
 
      „Nimm ihn fest, Maman”, flüsterte meine Tochter, und der Brigadier-Chef sah aus, als wollte er François gleich die Handschellen anlegen.
 
       „Warum musste sie immer von Pedro reden?”, rief François plötzlich aus.
 
      Sein Gesicht war knallrot, seine Lippen zusammengepresst. Seine eben noch schlaff herunterhängenden Hände waren zu Fäusten geballt.
 
      In diesem Augenblick verstand ich noch nicht alles. Wer war Pedro? Aber ich hatte das Wesentliche begriffen.
 
      „Ich werde Ihnen sagen, was in der ,fehlenden' Stunde zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr geschah”, verkündete ich in dem kühlen Ton, den Camille immer meine Polizistenstimme nannte. „Sie haben sich mehr oder weniger pünktlich getroffen. Nach Yvonnes Freundin waren sie glücklich, eine Tochter zu haben. Das betonten Sie schon am Telefon, wieder und wieder. Eine Tochter, die Sie mit der Frau gezeugt hatten, die Sie immer noch liebten.”
 
      Ich überlegte.
 
      „Ich weiß nicht, warum Ihre Geliebte Ihnen damals nicht sagte, dass sie schwanger war, aber sie hatte vermutlich ihre Gründe. Ich gehe davon aus, dass sie Sie verlassen hat, nicht umgekehrt. Vielleicht sah Yvonne ihr sogar ähnlich.”
 
      François stand immer noch unbeweglich da. Seine Augen waren weit aufgerissen. Ja, er war glücklich gewesen, als er von seiner Tochter erfuhr. Das erste Mal in seinem Leben, seit Marguerite ihn im Stich gelassen hatte. Wegen Pedro.
 
      Aber als Yvonne dann die ganze Zeit von ihrem Stiefvater schwafelte und einfach nicht damit aufhören wollte, hatte er rot gesehen. Ohne zu wissen, was er tat, hatte er die Enden ihres Seidenschals ergriffen. Ihres rosafarbenen Seidenschals. Und er hatte gezogen. Nicht sehr fest, wie er glaubte. Er wollte sie ja nur zum Schweigen bringen. Aber er hatte seine Kraft falsch eingeschätzt.
 
      Der Spanier hatte ihm alles genommen. Zuerst die Frau. Dann die Tochter − in einem Moment, als er selbst sie nicht einmal kannte.
 
      Ich hatte ihn eine Weile beobachtet. Irgendetwas Wichtiges ging in seinem Kopf vor. Um ihm noch etwas Zeit zu lassen, zündete ich mir eine Zigarette an. Dann bot ich ihm auch eine an. Er zögerte zuerst, dann griff er gierig zu. Das Rauchen schien ihn von seinen Gedanken abzulenken.
 
      „Ja, Yvonne sah ihrer Maman bestimmt ähnlich”, fuhr ich fort, als ich das Gefühl hatte, dass sein Geist wieder bei uns war. „Und dann sind Sie durchgedreht. All die Wut, die Sie im Laufe der Jahre aufgestaut hatten, all der Frust, brachen plötzlich hervor. Sie glaubten, Ihre Geliebte vor sich zu sehen. Und haben sie bestraft für das, was sie Ihnen damals angetan hatte.”
 
      Der Riese antwortete nicht. Er rauchte seine Zigarette bis zum letzten Millimeter, dann ließ er sie achtlos in den Sand fallen. Eine Zeit lang starrte er den Stummel an. Dann ließ auch er sich in den Sand fallen, wie ein Sack, den niemand mehr brauchte. Dabei heulte er, wie ich noch keinen Mann hatte heulen sehen.
 
 
 
 
      Ein Südfrankreich-Kurzkrimi von Doris Kneller (alle Rechte vorbehalten)
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